"Heute ist Laktattest - und ich hab nicht gelernt..."

Steffen Co war professioneller Mittelstreckenläufer von 2004 bis 2008. Über 800m lief er unter anderem drei mal zur Silbermedaille bei deutschen Meisterschaften, als Schlussläufer der 3x1.000m Vereinsstaffel der LG Olympia Dortmund gelang sogar der Meistertitel. Im Nationaltrikot folgten Einsätze bei Länderkämpfen und dem Team-Europacup.

 

Weit nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn (2016) kam im Trainingslager in Stellenbosch (RSA), das er eigentlich überwiegend als Tourist/Trainingspartner besucht hatte, die Frage auf, ob es mit 40 Jahren noch möglich sei, die 400m in unter 50 Sekunden zu laufen. Die Antwort gab er sich im folgenden Jahr selber. Als Ergebnis stehen nun 51,00s in der Halle und 49,66s auf der Bahn zu Buche – beide Zeiten gelten als deutsche Rekorde in der Altersklasse M40.

 

Verein: TG Viktoria Augsburg

 

Bestzeiten: 400m 47,58s – 800m 1:47,15 – 1.000m 2:20,98 – 10km 32:52

 


"Im Rahmen von Wettkämpfen sieht man häufig Spitzensportler, die im Ziel als erstes zum Sportmedizin-Assistenten rennen und einen Tropfen Blut abgeben. Es handelt sich um Leistungsdiagnostik, so viel ist klar, doch um das "Wie" und "Warum" kursieren viele Informationen und zum Teil auch eine Menge gefährliches Halbwissen. Die Leistungsparameter, die heutzutage ermittelt werden, sind unheimlich vielfältig. Man kann extrem viel messen und jedes dieser Messverfahren hat selbstverständlich seine Berechtigung. Viele dieser Verfahren sind disziplinspezifisch abgestimmt und nicht selten stecken Olympiastützpunkte und Institute dahinter, die damit sehr viel Aufwand betreiben. Wir möchten hier ambitionierten Sportlern helfen, bei der Vielzahl an Angeboten und Testmethoden die für eine solche Leistungsdiagnostik auf dem Markt sind, einen Überblick zu gewinnen, damit jeder für sich persönlich das Beste herausfindet. Falls jemand absolute Werte erwartet, auf diese verzichten wir hier ganz bewusst. Jeder Athlet ist unterschiedlich in seiner Konstitution und Zielsetzung. Da reicht die Spanne von der reinen Fettverbrennung bis zur maximalen Leistungsfähigkeit, was eine individuelle Analyse unverzichtbar macht!!

 

In Zeiten der zunehmenden Verbreitung von „quantified self“ Produkten liegt es auf der Hand sich mit der Materie etwas tiefergehend zu beschäftigen. Im Vorfeld gilt es, sich zu überlegen, was man mit der Messerei überhaupt bezwecken will. Für ein paar Messwerte in bunten Diagrammen ist das investierte Geld nämlich zu schade. Die Crux ist die richtigen Schlüsse für die anstehende Trainingsphase aus den Werten zu ziehen. Und damit sind wir auch schon beim wichtigsten Punkt: Das Ziel ist NICHT das bestmögliche Testergebnis zu erzielen, wie wir es aus unzähligen Prüfungssituationen gewohnt sind, sondern möglichst verlässlich den aktuellen Ist-Leistungsstand zu ermitteln. Dazu gehört, den Testtag so normal wie möglich anzugehen, also keine besondere Vorbereitung, Ernährungsumstellung oder besonders viel Schlaf, das alles können wir uns für die Wettkämpfe aufsparen. Wer also mit Spikes auf der Matte steht hat sich schon als Anfänger geoutet bevor es überhaupt losgegangen ist.

 

Lediglich harte Belastungen sollten ein bis zwei Tage zuvor nicht mehr auf dem Programm stehen und auch das Aufwärmen solte extrem ruhig durchgeführt werden, um das Testergebnis nicht zu verfälschen. Ansonsten gilt es für möglichst reproduzierbare Bedingungen zu sorgen, um eine Vergleichbarkeit der jeweiligen Ergebnisse zu ermöglichen. Einen Test bei Kälte und Wind kann niemand mit dem anderen im mediterranen Klima des nächsten Trainingslagers vergleichen, daher bietet sich eine Leichtathletikhalle oder Laufband/Rolle an, je nach Verfügbarkeit. Auf jeden Fall sollten die Umgebungsbedingungen im Protokoll notiert werden, genauso wie andere Faktoren die das Messergebnis beeinflussen können aber selbst oft nicht zu ändern sind. Dazu gehören z. B. Krankheiten oder Trainingsausfall durch Verletzungen, harte Trainingsphasen, Stress, Menstruation, etc., bei großen Abweichungen zum normalen Ablauf sollte man den Test lieber verschieben. Zudem ist entscheidend, in welcher Phase der Vorbereitung man sich gerade befindet, ob ein Grundlagenausdauerblock ansteht oder die intensive Saisonvorbereitung, ob eine Doppelperiodisierung geplant ist oder eher die klassische „Sommersaison“. Das Wort Vorbereitung ist hier ganz bewusst gewählt, denn nur dann ist eine Leistungsdiagnostik sinnvoll - mitten in der Saison in Bestform brauchen wir solche Tests nicht durchzuführen. Denn wie eingangs erwähnt geht es uns nicht um Bestmarken, auch wenn viele Athleten dazu neigen mit Werten um sich zu werfen, als könnten diese wie Karten aus einer Art Leistungs-Quartett ausgespielt werden. Das soll nicht heißen dass Freude über gute oder verbesserte Ergebnisse nicht erlaubt wäre, viel interessanter ist jedoch die Interpretation der Informationen um Rückschlüsse auf das Training ziehen zu können. Dazu ist es sicher hilfreich, nicht nur mit dem Trainer zu sprechen, sondern auch Trainingspartner oder beispielsweise den Physio in die Analyse mit einzubeziehen, die haben oft eine eher neutrale Sicht auf die Dinge.

 

Bei Ausdauersportlern werden in der Regel Bereiche oder Zonen ermittelt in denen dann bestimmte Trainingsaufgaben absolviert werden, beispielsweise der Grundlagenbereich der bei Dauerbelastungen möglichst nicht verlassen werden sollte. So lässt sich jede Trainingseinheit gezielt steuern, denn nur wer seine individuelle Leistungsfähigkeit kennt, kann effektiv an seinen Schwächen arbeiten und die Leistungskurve nach oben verschieben. Denn eines ist sicher, das härteste Training ist nicht immer das effektivste!! Die Zeit die wir fürs Training aufbringen sollte so effektiv wie möglich genutzt werden, zum einen wollen wir unsere Leistung steigern, ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist aber auch, dass wir uns in der richtigen Trainingszone einfach wohler fühlen und damit hängt der Spaß am Training logischerweise unmittelbar zusammen. Zu den am meisten verbreiteten Verfahren zählen die Laktatmessung und die Spiroergometrie, aus denen sich die Trainingsempfehlungen ableiten lassen. Zur Kontrolle im täglichen Training dienen letztlich einfache Mittel wie Herzfrequenz, Laufgeschwindigkeit oder Wattmessung beim Rad fahren. Nachdem nun mehrere mögliche Verfahren vorgestellt wurden gilt es die günstigste auszuwählen. Bei Triathleten bieten sich generell drei Möglichkeiten an: Schwimmen ist prinzipiell geeignet wenn Geschwindigkeit und Technik wirklich sitzen, Rad fahren weniger weil hauptsächlich die Beine beteiligt sind und damit evtl. Abweichungen zur Gesamtkondition nicht ersichtlich werden. Beim Laufen ist der ganze Körper im Einsatz und der Test lässt sich insgesamt am einfachsten durchführen, daher empfehlen wir eindeutig die letzte Disziplin zur Durchführung der Leistungsdiagnostik. Für Läufer natürlich auch.

 

Mit einem zwinkernden Auge kann man im Endeffekt zwei Gruppen von Athleten identifizieren. Die einen die mit ihren Werten rumprahlen oder mit irgendwelchen abenteuerlichen Werten aus Kona vergleichen - oder deren Laune für das nächste halbe Jahr davon abhängt wie die Leistungsdiagnostik ausgefallen ist. Und wir, die andere Gruppe, die verstanden hat worum es geht, lächelt und die Trainingssteuerung ganz zielgerichtet angeht. Ist aber alles kein Problem, wir warten im Ziel beim Weizenbier auf die anderen ;-)"

 

Steffen Co

 

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